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Hell hören.
Dunkel klingen.

TEIL I  >> Teil II  >>  Teil III  >>  Teil IV

 

Foto: Robert Grischek
Interview: Max Schmittmann

Extravagant, erfolgreich, Aufsehen erregend. Hell, 46, gehört zu den Gründervätern der deutschen Deejayrepublik. Von München aus formte er International Deejay Gigolo Records, eines der weltweit wichtigsten elektronischen Plattenlabels. In Berlin, für Hell momentan das internationale Nonplusultra des Nachtlebens, entwickelt er Gigolo weiter. Sein stilübergreifendes Musikverständnis reflektiert einen Kunstbegriff, der keine Grenzen kennt.

Im ersten Teil des großen Elevator-Interviews sprachen wir mit Hell über die Evolution der Technik. Wir erlebten jemanden, der weiß, wo es hingeht.


Technik.
Automation.


Elevator: Hallo Hell! Im digitalen Zeitalter ist das gute, alte Auflegen mit Schallplatte und Mischpult nur noch eine von vielen Möglichkeiten, Musik zu Mixen. CDs, DVDs und MP3s sind die neuen DJ-Medien. Wie hältst du es damit?

Hell: Ich versuche immer alles, zu verbinden und so das bestmögliche Ergebnis zu bekommen. Ich spiele nach wie vor Vinyl – und CDRs, auf die ich digitale Downloads und Songs brenne, die ich selbst im Studio produziere. Dazu kommen viele Promos und Tracks, die ich von anderen Künstlern bekomme; es gibt ja mittlerweile in DJ-Freundeskreisen eine rege digitale Tauschbörse.

Wenn man die komplette DJ-Landkarte betrachtet, gibt es zwar immer noch eine große Anzahl von DJs, die Vinyl auflegen. Ich denke aber, dass die mittlerweile in der Minderheit sind; in gewissen Ländern findet man in Clubs kaum mehr Plattenspieler vor. Ich glaube, dass weltweit gesehen die meisten DJs ausschließlich CDs spielen. Die machen es sich sehr bequem: Sie bringen nur ein kleines CD-Case mit vielleicht 50 gebrannten CRDs mit in den Club – und sonst nichts.

Ehrlich gesagt habe ich mich auch lange Zeit gegen CDs gewehrt – das war vor 15 Jahren. Mittlerweile kämpfe ich regelrecht für die CD, weil es wieder heißt, dass die CD aussterben würde. Es ist für mich keine schöne Vorstellung, wenn man nicht mehr in den Laden gehen könnte, um Musik zu kaufen, wenn man keine CD-Cover mehr designen würde. Damals gab es ja auch schon die Diskussion, ob Vinyl aussterben wird oder nicht. Ich glaube aber, dass sowohl Vinyl als auch die CD überleben werden, in was für einer Form auch immer. Momentan spricht man ja sogar vom Comeback des Vinyls, was ich insgesamt nicht so ganz bestätigen kann. Aber wenn ich hier in Berlin in die Plattenläden gehe, sehe ich mehr Releases auf Vinyl als jemals zuvor in der Geschichte der elektronischen Musik. Ich würde schätzen, dass es fast doppelt so viele sind wie noch vor 10 Jahren. Ob das ein echtes Comeback ist, weiß ich nicht. Ich denke, dass Vinyl für viele zu einem Promo-Tool geworden ist. Es gibt eben immer noch viele Vinylliebhaber. Und hoffentlich entdecken auch in Zukunft viele junge Leute ihre Liebe zu diesem Medium!


Bist du im Hinblick auf die neuen Technologien denn eher Skeptiker oder Optimist?

Ich bin gegenüber neuen Errungenschaften generell positiv eingestellt. Es gibt ja immer mehr Digital-DJs, die komplett mit Final Scratch, Serato oder anderen Timecode-Systemen arbeiten. Ich habe auch eins zu Hause stehen und schon einen Einführungskurs bekommen. Ich kann mir schon vorstellen, in Zukunft für größere Tourneen einen Laptop für das digitale Deejaying in mein Setup einzubauen, aber ich will mich nicht nur auf Final Scratch oder Serato limitieren. Insofern bin ich schon ein Vertreter der Oldschool-DJ-Philosphie.

Es kommt immer darauf an, wie man diese neuen Möglichkeiten für sich nutzt. Ich habe bis jetzt nur sehr, sehr wenige ausschließlich mit Laptop arbeitende DJs erlebt, die auf diese Art fantastische Sets gespielt haben. Genau genommen habe ich nicht einen DJ gesehen, der mich damit komplett überzeugt hätte, so dass ich auch sagen würde: Das ist jetzt mein Medium, ich will nur noch damit arbeiten! Ich möchte zwar kein Traditionalist sein, und behaupten, das Auflegen nur mit Turntables und einem Mixer wäre das einzig Wahre, aber diese ursprüngliche Form der DJ-Arbeit scheint doch etwas Magisches an sich zu haben. Vielleicht warte ich ja nur auf die nächste technische Errungenschaft, bei der es auch bei mir „Klick!“ macht. Solange bleibe ich aber bei meinem Vinyl und den CDs.

Aber auch in anderen Bereichen ergeben sich viele Möglichkeiten, die einem das DJ-Leben leichter machen. Ich bin zu einer Zeit DJ geworden, als man noch zwei 20 Kilo schwere Aluminiumkisten voll mit Platten durch die Weltgeschichte getragen hat. Ich weiß noch, wie die ersten Trolleys auf den Markt kamen und die DJs, die anfangs damit unterwegs waren, belächelt wurden, weil sie ihre Platten nicht mehr tragen wollten. Heute haben sich Trolleys und DJ-Bags komplett durchgesetzt, da gibt es die schönsten Design-Objekte: Von Digicamouflage-Design bis hin zu Lederausführungen, die tollsten Kombinationen für Vinyl, Laptop und Zubehör. Ich steige auch gerade in den Bereich Travel-Gear für DJs ein und designe eine eigene CD-Tasche.

Früher konnten sich nur professionelle DJs den Luxus leisten, eigene Produktionen als Dubplates zu pressen. Digitale Timecode-Vinylsysteme haben das revolutioniert.

n kannst, die sonst keiner in der Box hat, wertet dass dein Set unheimlich auf. Es ist doch fantastisch, dass durch die digitalen Technologien jetzt auch all die Home-DJs und semiprofessionellen DJs Zugang zu dieser Möglichkeit haben.
Schau dich allein hier im Café um – es gibt ja in B
Berlin kaum noch Leute, die nicht auflegen! Wir haben vor zehn, zwanzig Jahren davon geträumt, dass es mal soweit seien würde. Wenn ich nun viele unbekanntere DJs höre, die eigene Edits von geläufigen Tracks machen und ihre persönlichen Remixe von Stücken dabei haben, die gerade viel gespielt werden, dann finde ich das sehr fortschrittlich und modern.

 

 

Die Möglichkeiten sind ja unbegrenzt: Es gibt mittlerweile Mixer, die einen Laptop ansteuern und man so während des Auflegens gleichzeitig Keyboards oder andere Instrumente live einspielen kann – das ist ja fast schon kein Deejaying mehr, bei dem man lediglich ein paar zusätzliche Loops triggert, das ist ja eher eine Studio- oder Konzertsituation! Man müsste eigentlich schon richtiger Musiker zu sein, um so etwas live umzusetzen. Weil ich nicht so ein guter Keyboarder oder Schlagzeuger bin, käme das für mich persönlich eher nicht in Frage. Aber vielleicht ist es die Zukunft, dass die Verbindung von DJ, Live-Musiker und Produzent durch diese Technologien immer mehr gefördert wird und Deejaying zunehmend eine richtige Live-Performance wird. Das wäre dann schon einen großen Schritt weg vom klassischen Auflegen mit zwei Playern, einem Mixer und hoffentlich einem Monitor.

Ich kann mir allerdings überhaupt nicht vorstellen, neben dem Auflegen von Musik gleichzeitig noch Videos und Grafiken zu steuern. Ich denke, dass man so beschäftigt damit ist, musikalisch eine spezielle Atmosphäre aufzubauen, dass die Aufmerksamkeit nicht dafür reicht, sich zusätzlich um die Visuals zu kümmern. Egal ob ich jetzt vor 15000 Menschen auf einem Festival oder vor 500 Leuten in einem kleinen Club spiele – ich bin so in der Musik drin und lebe das auch körperlich so aus, dass es für eine zweite Beschäftigung einfach nicht reichen würde. Deejaying ist eben ein sehr aufwändiges körperliches Performen.

Eine Medientheorie besagt, dass neue Medien die alten Medien immer ergänzen, ihnen eine neue Rolle zuweisen, sie aber nie verdrängen. Es gibt ja die Zeitung oder das Buch immer noch, obwohl das Internet und der Film ähnliche Inhalte liefern. Was hast du da für Beobachtungen gemacht?

Ich würde dem prinzipiell zustimmen, sehe aber als weltreisender DJ auch, dass in gewissen Ländern kein Mensch mehr Tageszeitungen liest. In Amerika hat die Zeitung teilweise gar keine Relevanz mehr, sie wird gar nicht mehr in den Tagesablauf eingebaut. Dort informiert man sich komplett im Netz über das Tagesgeschehen. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass die New York Times in der Süddeutschen Zeitung auftaucht, um sich hierzulande neue Märkte zu erschließen.

In meinem Leben wird es die Tageszeitung immer geben. Ich lese täglich drei Zeitungen, weil ich wissen will, was in München, was in Süddeutschland los ist, was in Berlin passiert und was die BILD-Zeitung sagt – die weiß ja in gewisser Weise immer mehr als andere. Die Wahrheit findet man dann irgendwo zwischen den drei Zeitungen. Genauso in der Sportberichterstattung: Wenn man sich die Sportteile in der Süddeutschen, im kicker und in der SportBILD durchliest, findet man ganz unterschiedliche Auffassungen und Berichte. Ich höre mir immer alle Meinungen an und denke, dass man daraus etwas filtern kann, der Wahrheit sehr nahe kommt.

In Europa ist die Zeitung ja zum Glück noch weit verbreitet. Selbst wenn Amerika für Vieles eine Vorreiterrolle eingenommen hat, glaube ich, dass die Zeitung hier ihre Wichtigkeit behalten wird. Genauso die Zeitschrift: In einen gut sortierten Presseladen in Deutschland erhält man mehr Neuigkeiten aus allen Bereichen denn je – Lifestyle, Mode, Gossip, Musik, Kataloge, Kunst, Mode, Architektur, Autos und Special Interests, und so weiter. Den Verlagen geht es zwar nicht mehr so gut wie noch vor ein paar Jahren, aber ähnlich wie im Plattenladen gibt es trotzdem ein immer breiteres Angebot. Natürlich verschwinden viele Titel schnell wieder. Dennoch sind meiner Meinung nach in Deutschland viele Themen offen, die man mit einem neuen Magazinkonzept bearbeiten könnte.

Du bist seit 1977 DJ – wie hat sich mit dem Auflegen und dem Produzieren deine Wahrnehmung von Musik verändert?

Sie hat sich drastisch verändert, klar. Nach meinen ersten Produktionen hatte ich allmählich begriffen, wie es funktioniert, beim Musizieren zum gewünschten Ergebniss zu kommen. Ich bin Stück für Stück dahinter gekommen, welches Keyboard welche Sounds erzeugt, was nötig ist, damit eine Bassdrum kickt.

Und so habe ich mir über die Jahre im Studio einiges Wissen angeeignet, das ich in Zukunft auch gerne dazu nutzen würde, jemand anderes zu produzieren. Das ist ein großes Anliegen von mir: Nicht nur meine eigene Musik zu schaffen oder Remixe für andere Künstler zu produzieren, sondern mal eine Band zu begleiten und mit ihr ein ganzes Album zu konzipieren.

Um auf die Frage zurückzukommen: Anfang der Neunziger habe ich manchmal gedacht, dass es besser gewesen wäre, wenn ich nie ins Studio gegangen wäre! Dann hätte ich einen ganz anderen Zugang zur Musik bekommen als den, den ein Produzent bekommt.

Andererseits war es ein langer Weg, um an dem Punkt anzukommen, an dem ich jetzt Musik mache. Mein neues Album „Teufelswerk“ ist die Spitze von dem, was ich in diesem Bereich momentan kann. Ich würde mich als Perfektionisten im Studio beschreiben, deswegen brauche ich für meine Alben leider immer sehr lange. Beim aktuellen Album bin ich immer wieder ins Studio gegangen, habe die Sounds nochmal verändert, nochmal ein Arrangement modifiziert, nochmal die Lautstärkenverhältnisse angepasst und habe – was für DJs, für Clubmusik besonders wichtig ist – vor allem die Kickdrum ein ums andere Mal verbessert. Die Arbeit an der Kickdrum war für mich ein jahrelanges Studium; mittlerweile weiß man ja wie so etwas funktioniert.

Es ist eine weitere Errungenschaft der neuen Technologien, dass alles einfach richtig gut klingt. Wenn ich heute in den Plattenladen gehe, sind die Platten, die schlecht produziert oder schlecht gemastert sind, viel mehr die Ausnahme als früher. Und diese Sachen lässt man dann auch eher stehen. Früher hätte ich gesagt: „Okay, ich kauf's und gleiche das dann später im Club über den Gain-Regler aus.“ Selbst als ausgesprochener Plattensammler habe ich heute keine Lust mehr, schlecht klingende Tracks zu kaufen. Ich bevorzuge mittlerweile auch die Maxime, immer voll auf der Höhe zu sein und jeden Release zu checken, aufgegeben. Ich versuche zwar nach wie vor, mir möglichst viel anzuhören, habe aber einfach nicht mehr die Möglichkeiten dazu, alles mitzubekommen. Ich hatte jahrelang den selbst auferlegten Druck verspürt, keinen wichtigen Track zu verpassen. Das kommt vielleicht daher, dass ich früher in Berlin im Plattenladen „Hardwax“ gearbeitet habe und daher einer der Glücklichen war, die stets als erste die neusten Sachen hatten.

Hells neues Doppel-Album „Teufelswerk“ erscheint auf Gigolo – coming soon!

>> Teil 2 des Interviews

 

 

 


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